SPD-Fraktionsvorsitzender: Wilfried Gooßens
( Es gilt das gesprochene Wort )
Sehr
geehrter Herr Bürgermeister,
werte
Kolleginnen und Kollegen im Rat,
sehr
geehrte Damen und Herren,
lassen Sie mich mit einem Zitat von Willy Brandt beginnen:
„Die besten Reden sind die, die nicht
gehalten werden. Die zweitbesten sind die scharfen, die drittbesten die
kurzen."
Ich gebe gerne zu, dass ich eine kurze Zeit mit der
ersten Variante geliebäugelt habe, da im Rat mittlerweile 4 Fraktionen sitzen
und 4 Haushaltsreden entsprechende Zeit in Anspruch nehmen. Die Art und Weise
wie Sie, Herr Bürgermeister, in der Ratssitzung am 24.03.2011 den Haushalt
eingebracht haben, hat mich jedoch nachdenklich gestimmt und ich konnte mich,
trotz ernsthafter Bemühungen, der Verlockung nicht erwehren jetzt doch eine
Haushaltsrede vorzubereiten. Ob das eine der Variante 2 oder eine der Variante
3 ist oder etwas ganz anderes, lasse ich einmal dahin gestellt.
Zunächst
einmal zwei grundsätzliche Feststellungen:
1.:
Das Erfreuliche:
Die Gemeinde Merzenich bleibt schuldenfrei!
Dies obwohl die finanzpolitischen Rahmenbedingungen
alles andere als optimal sind.
2.: Das Negative:
Die
Gemeinde Merzenich, und das gilt für nahezu alle Kommunen in NRW, hat weniger
ein Einnahme-, sondern ein Ausgabeproblem!
Trotz boomender
Gesamtwirtschaft und somit sprudelnder Steuereinnahmen kommen die öffentlichen
Haushalte, und hier vor allen Dingen die Kommunen als letztes Glied der Kette,
nicht aus ihrer finanziellen Misere heraus.
Das hat seine bekannten Gründe:
1.: Die jetzige Bundesregierung entschließt sich nur unter Zwang (siehe Kompromiss
des Bildungspaketes: Entlastung bei der Grundsicherung im Alter und bei
Erwerbslosigkeit) Länder und Kommunen von Kosten zu entlasten, die man ihnen,
ohne mit der Wimper zu zucken, aufgebürdet hat. Hierbei sind es vor allem
die immer stärker ansteigenden Soziallasten, die uns zu schaffen machen. Sie
nehmen uns buchstäblich die Luft zum Atmen.Für Sozialleistungen haben
die NRW-Kommunen im letzten Jahr über 12 Milliarden Euro ausgegeben. Fast 30
Prozent der bundesweiten Sozialausgaben der Kommunen entfallen auf
Nordrhein-Westfalen - Tendenz weiter steigend. Die Soziallasten, welche die
Kommunen wie ein Mühlstein immer schneller in die Tiefe ziehen, sind sämtlich
auf Bundesgesetze zurückzuführen. Bundesgesetze, denen die Länder im Bundesrat
zugestimmt haben. Sie sind deshalb jetzt allesamt in der Pflicht, dafür
einzutreten, dass der Bund endlich seiner gesamtstaatlichen Verantwortung
gerecht wird und die Kommunen bei den Kosten dauerhaft und nachhaltig entlastet, dies nach dem Motto: „Wer die Musik bestellt muss sie auch
bezahlen!" (Konnexitätsprinzip).
2.: Die derzeitige Landesregierung in NRW häuft einen Schuldenberg an, der lediglich die Folgen
der abgewählten Regierung Rüttgers mildern soll. Hier seien beispielhaft die
Investitionen in den gesamten Bildungssektor genannt.
3. Der Kreis Düren seinerseits
bedient sich auch weiterhin aus den nahezu leeren Kassen seiner
Kommunen, die schon lange eine strengere Ausgabendisziplin des Kreises fordern.
Noch einmal erinnert sei hier an das Fiasko der GWS, das auch Merzenich
Zig-Tausende kostet, an das finanzielle Desaster des Freizeitbades Kreuzau oder die hübschen Events
mit Defiziten, die sich sehen lassen können. Bei allem Wohlwollen für
Entscheidungen in Sachen Beitragsfreiheit in Kindergärten, bei allem Wissen um
ausufernde Soziallasten: Eine so genannte „steuerstarke" Kommune wie Merzenich
ist an dieser Finanzierung überproportional beteiligt. Ich möchte hier an die
Worte von Bürgermeister Heuser aus der Nachbargemeinde Niederzier erinnern und
analog anmerken:
„Auch die Gemeinde Merzenich wird vom Kreis
erdrosselt!"
_________________________________________________________________
Nun aber zum Haushaltsentwurf der Gemeinde Merzenich
für das Jahr 2011:
Ich werde nicht alle
Zahlen wiederholen, die der Bürgermeister bei der Einbringung des Haushaltes
genannt hat, sondern mich auf einige Wenige beschränken und im Wesentlichen
inhaltliche Aussagen zum Haushalt machen.
Wie der Haushaltsentwurf
zeigt, generieren sich 63%, also 11,1 Millionen der Einnahmeseite des
Haushaltes, aus Steuern und allgemeinen Zulagen. Dies sind rund 1,5 Millionen €
weniger als im Vorjahr. Grund hierfür ist, dass die Gemeinde im vergangenen und
in diesem Jahr erhebliche Gewerbesteuernachzahlungen hatte, was dazu führt,
dass in diesem und im nächsten Jahr keine Schlüsselzuweisungen des Landes zu erwarten
sind.
Unabhängig davon, ob wir
nun aber eine Veränderung der Berechnungsgrundlage für die Schlüsselzuweisungen
fordern oder die Höhe der Gewerbesteuerumlage bedauern, müssen wir auch andere
Möglichkeiten im Blick haben, die Einnahmequellen der Gemeinde Merzenich zu
verbessern.
Bei der Haushaltseinbringung
haben Sie, Herr Bürgermeister, ein Zitat von Gustav Heinemann bemüht, welches
lautet: „Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren
möchte." Bezogen haben Sie dieses Zitat darauf, dass sich die Ratsmitglieder,
nach Ihrer Meinung, den Luxus leisten, alle Einnahmemöglichkeiten zu
ignorieren.
Die SPD weist diese
Bemerkung Ihrerseits auf das Entschiedenste zurück. Bei der Vielzahl der
konstruktiven Anträge und Vorschläge, gerade auch in Bezug auf die Haushalte, zieht
sich die SPD in Merzenich diesen Schuh nicht an. Auch haben wir es nicht nötig
von Ihnen darüber belehrt zu werden, dass wir an die Verpflichtungsformel
gebunden sind zum Wohle der Gemeinde und der Bürgerinnen und Bürger zu wirken.
Wir wissen das. Aber auch Sie, Herr Bürgermeister, sind an diese Verpflichtung
gebunden. Hier beziehe ich mich auf ein weiteres Zitat von Laotse, welches Sie
bemüht haben: „Verantwortlich ist man nicht nur für das was man tut, sondern
auch für das, was man nicht tut". Dies gilt für uns alle hier in diesem Raum.
Und ich füge noch ein weiteres Zitat von Konfuzius
hinzu, welches für uns alle Maxime sein sollte. Er sagt: "Strebe nicht
danach, ein Amt zu erlangen, sondern des Amtes würdig zu werden."
Sie, Herr Bürgermeister, führen zum gleichen
Sachverhalt, nämlich der Ausschöpfung aller Einnahmemöglichkeiten weiter aus,
so wörtlich „habe ich den Eindruck, dass man sich nur dem Bürger verpflichtet
fühlt und die finanzielle Existenz der Gemeinde völlig aus den Augen verliert".
Diese Aussage muss man sich wirklich auf der Zunge
zergehen lassen.
Nach dem Selbstverständnis der SPD jedenfalls sind
die Bürgerinnen und Bürger die Gemeinde Merzenich und für die SPD in Merzenich
ist es somit geradezu die erste Pflicht und Aufgabe für die Bürgerinnen und
Bürger zu arbeiten.
Bei der Suche nach
Einnahmemöglichkeiten ist daher Kreativität und Einfallsreichtum gefordert und
nicht nur, wie Sie es leider gebetsmühlenartig seit Jahren fordern, Herr
Bürgermeister, Steuererhöhungen für die Bürger.
Die Merzenicher Bürgerinnen und Bürger sind mit Steuern und anderen Abgaben
belastet genug. Außerdem führen Steuererhöhungen dazu den Standort Merzenich
als Wohnstandort unattraktiver zu machen. Das Gleiche gilt selbstverständlich
auch für Gewerbetreibende.
In diesem Zusammenhang hat
die SPD in den vergangenen Jahren immer wieder die Notwendigkeit der
Gewerbeansiedlung betont. Das Gewerbegebiet G1, welches im Übrigen ja noch von
der SPD vor 1999 auf den Weg gebracht worden ist, kann hier nur ein Baustein sein. Unsere
Forderung das Gewerbegebiet Girbelsrath zu erweitern ist seinerzeit von Ihnen,
Herr Bürgermeister, mit einer Begründung abgewiesen worden, die wir auch heute
noch nicht verstehen und nachvollziehen können.
Hier sei darauf
hingewiesen, dass im Haushaltsentwurf unter Wirtschaftsförderung zunächst eine
glatte Null stand, was inhaltlich gar nicht mit der Notwendigkeit neue
Einnahmemöglichkeiten zu schaffen in
Einklang zu bringen ist. Wir freuen uns aber, dass die Wirtschaftsförderung ab
September diesen Jahres im Bürgermeisterbüro angesiedelt ist und im Haushalt
2011 wenigstens 2.000 € bereit gestellt werden. Auf sichtbare Ergebnisse sind
wir sehr gespannt.
Weiterhin ist es, auch im
Hinblick auf die demographische Entwicklung in den kommenden Jahren, unbedingt
notwendig, zeitgemäßen Wohnraum für junge Familien und ältere Menschen zu
schaffen. Die angesprochene demographische Entwicklung für die Gemeinde
Merzenich zeigt nämlich, dass bis zum Jahr 2030 gegenüber dem Jahr 2008 der
Anteil der 60 jährigen und älteren Menschen um 81,3 % steigen wird, wohingegen
der Anteil der jüngeren Menschen, bis 40 Jahre, um 21,4% drastisch sinken wird.
Eine Klimaschutzsiedlung - wie von der SPD beantragt - wäre hier ein richtiger
Schritt dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Eine derartige Siedlung wird
sowohl den immer aktueller werdenden Maßgaben der Energieeinsparung einerseits
und der Kosteneinsparung für die Bewohnerinnen und Bewohner andererseits
gerecht.
Weitere Einsparpotentiale
liegen in der konsequenten Umsetzung aller energetischen Möglichkeiten. So kann
der Antrag der SPD auf Vermietung der gemeindeeigenen Dachflächen zur Gewinnung
von Solarenergie an externe Interessenten, wenn auch sicherlich nur in geringem
Umfang, die Einnahmesituation der Gemeinde Merzenich verbessern helfen, wenn er
denn endlich umgesetzt wird.
Auch für den hier
angesprochenen Umweltschutz gab es im Übrigen keinen Haushaltsansatz. Das muss,
nicht nur unter Berücksichtigung der derzeitigen öffentlichen Diskussionen,
nachdenklich stimmen. Jetzt werden, auf Antrag der SPD, wenigstens 2.000 € für
einen Umweltschutzpreis bereit gestellt. Darüber hinaus wird gerade die
Gemeinde Merzenich das Thema „Umweltschutz" stärker beschäftigen, als manch
andere Kommune. Der Tagebau Hambach und die Umsiedlung von Morschenich stehen
vor der Tür. Hier sei an die ´Anträge zur Schaffung eines Bürgerwaldes
erinnert, die, aufgrund ihrer umweltpolitischen Brisanz, überfraktionell
diskutiert werden müssen. Darin besteht, so denke ich, Einigkeit zwischen allen
Fraktionen im Rat.
Die von der SPD beantragte
Gründung einer „Hambachtagebau GmbH" mit den Anrainergemeinden des Tagebaus
Hambach ist nur ein weiterer logischer Schritt in dieser Thematik. Wir müssen
RWE mit ins Boot holen, um die Tagebaufolgelandschaft im positiven Sinne zu
gestalten. Dies ist mit vereinten Kräften eher möglich als alleine.
Aber viel schlimmer als
die nur in einem relativ engen Rahmen beeinflussbaren Einnahmen sind eben die
nicht beeinflussbaren Ausgaben, die die Kommunen bald handlungsunfähig werden
lassen. Das Gespenst einer steten Unterfinanzierung bleibt dabei das größte
Problem. Trotz der Steuerkraft der Gemeinde Merzenich weist der Haushalt für
dieses Jahr ein strukturelles Defizit
in Höhe von ca. 950.000 € aus.
Ein Blick in die
Vergangenheit zeigt uns aber, dass zwischen Haushaltsplanung und
Jahresabschluss immer erhebliche Differenzen lagen.
Legt
man die Jahre 1999, das Jahr also, in dem Sie, Herr Harzheim, Bürgermeister
wurden, bis 2008, dem Jahr, in dem der letzte geprüfte Jahresabschluss
vorliegt, zugrunde, so klafft zwischen Plan- und Ist-Zahlen eine Lücke von über
10 Millionen Euro. Saldiert waren in diesem Zeitraum 7.183.738,00 € Verluste geplant. Das
tatsächliche Ergebnis waren saldiert allerdings 2.844.504,14
€ auf der Haben-Seite.
Auch die SPD ist selbstverständlich dafür, dass man,
wie es ein guter Kaufmann macht, bei der Haushaltsplanung vorsichtig zu Werke
geht. Die vorgenannten Planzahlen haben aber nichts mehr mit Vorsicht zu tun.
Solche Zahlen können den Ratsvertretern keine vernünftige Grundlage für
Entscheidungen bieten. Mit solchen Zahlen kann man allenfalls suggerieren, dass
Steuererhöhungen opportun sind, was sie tatsächlich, bisher jedenfalls, nicht
sind. So ist die SPD, wie auch in der Vergangenheit, der festen Überzeugung,
dass auch das veranschlagte Defizit von 950.000 € in diesem Haushalt überzogen
ist und sich der Jahresabschluss 2011 ganz anders, im positiven Sinne,
darstellen wird.
Dennoch
hat sich auf der Ausgabenseite des Haushaltes nach den vorliegenden Planzahlen
eine Verschlechterung ergeben, die sich in den kommenden Jahren noch steigern
kann, da es sich in der Regel um nicht von der Gemeinde zu beeinflussende
Positionen handelt. Insbesondere geht es hier um die so genannten
Transferleistungen.
Die Gemeinde plant im
Haushaltsentwurf an Gewerbesteuerumlage und „Fond Deutsche Einheit" 228.000 €
mehr ein als im Vorjahr.
Die Kreis- und
Jugendamtsumlage beträgt 6.703.522 €. Dies ist gegenüber 2009 eine Erhöhung um
1.627.000 € oder 32%. Gegenüber den Planzahlen 2010 beträgt die Erhöhung
immerhin auch noch 716.000 € oder rund 12% und soll in den Jahren des
Planungszeitraumes dann konstant bleiben.
Eine Ausschöpfung aller
Möglichkeiten der interkommunalen Zusammenarbeit, insbesondere mit der Gemeinde
Niederzier, erscheint vor diesem Hintergrund mehr als wünschenswert und nötig. Ziel muss es sein, Aufgaben
zusammenzufassen und Kosten bei Anschaffungen sowie Personalkosten einzusparen.
Auch dies hat die SPD beantragt. Wir begrüßen es daher, dass ein externer
Gutachter die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen den beiden Gemeinden
prüfen soll.
Bei den Investitionen ist
der Haushaltentwurf, genau wie im konsumptiven Teil, was die „nackten" Zahlen
betrifft, relativ unspektakulär. Insgesamt sind für das Jahr 2011 Investitionen
geplant, deren Betrag unter 100.000 € liegt. Diese Investitionen beschränken
sich auf notwendige Beschaffungen für den Bauhof für Winterdienst und
Friedhöfe, die Löschwasserversorgung für das Gewerbegebiet G1 und den Gehweg
Valdersweg.
Darüber hinaus werden
investive Maßnahmen aus dem Jahr 2010 in Höhe von über 1,6 Millionen € in das
Jahr 2011 übertragen. Gerade im investiven
Bereich kann sich eine Kooperation mit der Gemeinde Niederzier auch durchaus
positiv auswirken, wenn es sich zeigt, dass Geräte, zum Beispiel für die
Bauhöfe, nur einmal angeschafft werden müssen.
Insgesamt komme ich zu dem
Schluss, dass die SPD, bei allen kritischen Anmerkungen, dem Haushaltentwurf
für das Jahr 2011 zustimmen kann. Über den Stellenplan werden wir ja noch
gesondert im nichtöffentlichen Teil der Sitzung beraten.
Wir bedanken uns bei allen Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern im Rathaus für die gute Zusammenarbeit. Unser besonderer Dank gilt
dem Kämmerer, Herrn Lothar Klein, der uns auf alle unsere Fragen immer
bereitwillig Auskunft gegeben hat.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
|